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Felder statt Wälder? Warum wir ein neues Zertifizierungssystem zum Schutz der Wälder brauchen  

In diesem Interview beantwortet Roby Biwer (LU/SPE) , Mitglied des Gemeinderats von Bettemburg, sechs Fragen zu den EU-Maßnahmen zum Schutz und zur Wiederherstellung von Wäldern weltweit. Im Zusammenhang mit COVID-19 fordert der Berichterstatter für die AdR-Stellungnahme „Intensivierung der EU - Maßnahmen zum Schutz und zur Wiederherstellung der Wälder in der Welt“ ein neues EU-Zertifizierungs- und Informationssystem für entwaldungsfreie Produkte und kurze, transparente Lieferketten. Die Stellungnahme soll auf der Plenartagung am 1./2. Juli verabschiedet werden.

Die großflächige Entwaldung im Amazonasgebiet wird durch die weltweite Nachfrage nach Fleisch angetrieben. Den weltweiten Fleischmärkten und ihrem Futtermittelbedarf fallen jedes Jahr Tausende Hektar Wald zum Opfer. Sind wir dabei, den Regenwald des Amazonas quasi zu verzehren? Wie können wir generell sicherstellen, dass die Nahrungsmittelproduktion (Fleisch, Kaffee, Kakao und Palmöl) keine negativen Auswirkungen auf die Wälder hat? Welche Rolle spielt die EU beim Schutz und der Wiederherstellung der Wälder der Welt? Tut die EU genug?

Auch wenn dies den meisten Verbrauchern nicht bekannt ist, gehören Fleisch, Kaffee, Kakao und Palmöl zu den Erzeugnissen, die derzeit global gesehen zu starker Entwaldung führen. Wir müssen an zwei Fronten arbeiten, wenn wir die Märkte auf nachhaltigere und entwaldungsfreie Produkte umstellen wollen. Einerseits müssen wir die Informations- und Bildungsmaßnahmen verstärken, damit die Verbraucher sich der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Auswirkungen ihrer Ernährungsgewohnheiten bewusst werden. Das Verhalten der Verbraucher kann in jedem Fall die Lebensmittelmärkte beeinflussen und die Produktion nachhaltiger und entwaldungsfreier Produkte beschleunigen. Deshalb müssen wir auch eine gesündere und ethisch vertretbare Ernährung fördern und dabei sowohl den ernährungsphysiologischen als auch den sozioökonomischen Nutzen des Verzehrs pflanzlicher Lebensmittel – viel Obst und Gemüse – hervorheben, die nachweislich aus entwaldungsfreien Lieferketten stammen. Anderseits müssen wir darauf hinarbeiten, dass die EU ein neues Zertifizierungssystem entwickelt und umsetzt, mit dem entwaldungsfreie Produkte unterstützt werden und das zur weltweiten Förderung einer zukunftsorientierten europäischen Vision für die Forstwirtschaft und Nahrungsmittelerzeugung beiträgt.

Obwohl eine großflächige Entwaldung zumeist ein Problem von Drittländern ist, werden aktuell auch in vielen Berggebieten in Europa – z. B. in Rumänien und der Slowakei sowie in einigen Balkanländern – Wälder abgeholzt. Warum hier? Was kann auf lokaler und regionaler Ebene getan werden, um Entwaldung zu verhindern? Können Sie uns konkrete Beispiele nennen? Was ist Ihre Botschaft an die Bürgermeister, Präsidenten der Regionen und lokale und regionale Vertreter in der gesamten Europäischen Union?

Ich kann mich nicht zur konkreten Situation in einzelnen Ländern äußern, aber aufgrund meiner eigenen Erfahrungen kann ich sagen, dass es immer wichtig ist, einen konstruktiven Dialog zwischen allen betroffenen Akteuren mit ihren jeweiligen Interessen zu führen. Wir als lokale und regionale Gebietskörperschaften sind am besten in der Lage, diesen Dialog zu organisieren. Wir müssen die Wälder und die biologische Vielfalt schützen, und wir müssen mit Landwirten und Waldbesitzern zusammenarbeiten, um geeignete Lösungen zu finden, die auch ihnen langfristig zugute kommen werden, ebenso wie denjenigen, die die Nutzung der Wälder für Freizeitaktivitäten auf nachhaltige Weise entwickeln wollen. In diesem Zusammenhang muss klar sein, dass internationale Übereinkommen sowie europäische und nationale Rechtsvorschriften zum Schutz der Wälder eingehalten und durchgesetzt werden müssen. Die Gebietskörperschaften spielen hingegen eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Konflikten zwischen verschiedenen Interessen auf lokaler und regionaler Ebene.

Heutzutage ist es sehr schwierig, zu ermitteln, woher unsere Lebensmittel kommen, insbesondere bei Produkten wie Kakao und Kautschuk, da an der Produktion viele Kleinerzeuger beteiligt sind und die Lieferkette lang und undurchsichtig ist. Wie können die Lieferketten transparenter werden? Wie können wir sicherstellen, dass Unternehmen nachhaltig arbeiten und dass in der EU nur nachhaltige Ware aus entwaldungsfreien Lieferketten verarbeitet und produziert wird? Sind freiwillige Verhaltenskodizes wie die bereits bestehenden ausreichend?

Lieferketten sind schwer nachvollziehbar. Um sie transparenter zu gestalten und leichter zu überwachen, sollte – ausgehend von den Erfahrungen mit der Datenbank für das Umweltzeichen – ein Informationssystem mit Hilfe und unter enger Einbeziehung aller Interessenträger eingerichtet werden, die ihre Erwartungen, Erfahrungen und Bedenken äußern können, um nützliche und praktikable Verfahren umzusetzen. Das Informationssystem sollte entwaldungsfreie Produkte erfassen und fördern sowie Verfahren zur Überprüfung der Richtigkeit der gesammelten Informationen und Bewertungen einführen, um das Vertrauen in die bereitgestellten Informationen zu stärken. Hierzu gehören strenge Anforderungen an die Rückverfolgbarkeit, die den Ursprung der Erzeugnisse garantieren, sowie strengere Überwachungs- und Durchsetzungssysteme, um Betrug und eine irreführende Kennzeichnung von Produkten zu verhindern.

Wie würden Sie mich davon überzeugen, dass ich statt der billigsten Tafel Schokolade eher „nachhaltige“ Schokolade kaufen sollte? Was können die Verbraucher dafür tun, dass unsere Lieferketten nachhaltiger werden und insbesondere die Entwaldung gestoppt wird?

Angesichts der steigenden Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln, die von einer höheren Nachfrage der Verbraucher nach organischen, umweltfreundlich angebauten Lebensmitteln getragen wird, vergrößert sich der Marktanteil entwaldungsfreier und nachhaltiger Erzeugnisse. Der Kauf umweltfreundlicher und nachhaltiger Produkte ist jetzt „in“ – Bio ist cool, Nachhaltigkeit ist sexy! Die Menschen sind bereit, mehr für ein umweltfreundliches Produkt zu bezahlen, weil man damit ein Statement abgibt, das einen sozialen Mehrwert hat und sozial anerkannt wird. Die Bürgerinnen und Bürger haben definitiv einen enormen Einfluss auf die Märkte.

Am 20. Mai veröffentlichte die Europäische Kommission die Strategie „Vom Hof auf den Tisch“ und die Biodiversitätsstrategie. Beide sind für den europäischen Grünen Deal von zentraler Bedeutung. Was sind Ihre ersten Reaktionen? Sind sie Hoffnungsträger? Wie wichtig ist die Wiederaufforstung für die Verwirklichung einer klimaneutralen Union?

Zu den zahlreichen Zielen des Grünen Deals zählen die Entwicklung eines fairen, gesunden und umweltfreundlichen Lebensmittelsystems, die Erhaltung und Wiederherstellung der Ökosysteme und der biologischen Vielfalt sowie das Null-Schadstoff-Ziel für eine von Giftstoffen freie Umwelt. Die EU muss bei der Überwachung, Berichterstattung, Vorbeugung und Sanierung hinsichtlich der Luft-, Wasser- und Bodenqualität sowie im Falle einer Verunreinigung von Konsumgütern wirksamer vorgehen, um die europäische Bevölkerung und die Ökosysteme zu schützen. Daraus lässt sich ableiten, dass die Wiederaufforstung zur Verwirklichung der Klimaneutralität in der EU von grundlegender Bedeutung ist. Europa ist auf dem Weg zu einer neuen Lebensweise. Wir senden ein wichtiges Signal an die ganze Welt, indem wir zum Vorreiter einer neuen Wirtschaft werden, deren Wachstum nicht mehr zulasten der Ressourcen geht.

Die Covid-19-Krise hat unsere globalen Lieferketten hart getroffen. Welche Lehren können wir aus dieser Krise ziehen?

Diese Krise wurde durch die Globalisierung verursacht, die zu einer raschen Verbreitung des Virus führte. Heute wissen wir besser, in welchem Maße Lieferketten – in die z. B. landwirtschaftliche Großbetriebe eingebunden sind – eng miteinander verflochten sind und wie das System leicht zusammenbrechen kann, wenn ein Glied der Kette ausfällt. Es wird dringend notwendig, diese gegenseitigen Abhängigkeiten zu überdenken und die Lieferketten widerstandsfähiger gegen globale Herausforderungen zu machen. Ebenso müssen wir die wichtige Rolle kurzer (und wahrscheinlich leichter rückverfolgbarer) Lieferketten und die Notwendigkeit einer Überwachung der Verbindungen zu und zwischen Lieferanten in einer langen Lieferkette erwägen. Aufgrund der Covid-19-Krise haben wir auch lernen müssen, dass soziale Ungleichheiten dazu führen, dass der Umwelt weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird. Der Grund hierfür ist der, dass es den Menschen zuallererst um ihr Überleben geht, während die Sorge für die Umwelt für einkommensschwache Gruppen in den Hintergrund tritt.

Hinweise:

Die Europäische Union verfügt über fast 182 Millionen Hektar Wald, was 43 % ihrer Landfläche entspricht. Sie ist somit eine der waldreichsten Regionen der Welt. Unsere Wälder versorgen uns nicht nur mit Nutzholz und Holzerzeugnissen, in ihnen ist auch ein großer Teil der biologischen Vielfalt Europas beheimatet. Außerdem sind sie für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden wichtig. Als immense Kohlenstoffsenken sind die Wälder eine wichtige Zwischenlösung, um die Auswirkungen des Klimawandels abzuschwächen und sich an ihn anzupassen ( Europäische Kommission ).

Seit 1990 sind Schätzungen zufolge 420 Millionen Hektar Wald verloren gegangen, weil diese Flächen einer anderen Nutzung gewidmet wurden, obwohl die Entwaldungsrate in den letzten drei Jahrzehnten zurückgegangen ist. Zwischen 2015 und 2020 wurde die Entwaldungsrate auf jährlich 10 Millionen Hektar geschätzt, gegenüber 16 Millionen Hektar pro Jahr in den 1990er Jahren. Die landwirtschaftliche Expansion ist nach wie vor die Hauptursache für Entwaldung und Waldschädigung sowie den damit verbundenen Verlust an biologischer Vielfalt in den Wäldern. Diese und andere Erkenntnisse sind dem Bericht über den Zustand der Wälder in der Welt („The State of the World Forests 2020“) zu entnehmen.

Ansprechpartner:

David Crous

Tel.: +32 (0) 470 88 10 37

david.crous@cor.europa.eu