Naturkatastrophen: EU muss heute vor Ort investieren, um morgen Leben zu retten  
Natural disasters: EU must invest locally today, to save lives tomorrow
Der UN-Sonderbeauftragte für Katastrophenvorsorge, der Präsident des Europäischen Ausschusses der Regionen und die EU-Kommissarin für Regionalpolitik drängen die EU, über den Einsatz von Regionalmitteln die Widerstandsfähigkeit der Städte und Regionen zu stärken und den Klimawandel zu bekämpfen

Die Europäische Union sollte angesichts der wiederkehrenden Auswirkungen von Überschwemmungen, Hitzewellen und Erdbeben auf lokale und regionale Gebietskörperschaften in ganz Europa weiterhin massiv in Maßnahmen zur Verringerung von Katastrophen- und Klimarisiken investieren. So lautet eine Schlussfolgerung der von den Vereinten Nationen und der Versammlung der Regional- und Kommunalvertreter der EU gemeinsam am Vorabend des Internationalen Tages der Katastrophenvorbeugung veranstalteten Konferenz.

Die Redner der Konferenz, Robert Glasser, Sonderbeauftragter des UN-Generalsekretärs für die Verringerung des Katastrophenrisikos, Karl-Heinz Lambertz, Präsident des Europäischen Ausschusses der Regionen (AdR), und Corina Crețu, EU-Kommissarin für Regionalpolitik, waren sich darin einig, dass der Klimawandel extreme Wetterereignisse in ganz Europa verstärkt und anhaltende Investitionen in die dadurch belasteten kritischen Infrastrukturen und Systeme erforderlich sind, um das Katastrophenrisiko einzudämmen.

„Katastrophen haben viele Gesichter, aber der Klimawandel spielt ganz eindeutig eine maßgebliche Rolle dabei. Wetter- und Klimaereignisse dominieren die Risikolandschaft wie noch nie zuvor und machen 90 % aller erfassten Katastrophen aus“, sagte Robert Glasser, Sonderbeauftragter und Leiter des Büros der Vereinten Nationen für die Verringerung des Katastrophenrisikos (UNISDR).

Der UN-Sonderbeauftragte Glasser erläuterte: „Es gibt auch gute Nachrichten. Europa hat vorgeführt, dass katastrophenbedingte Todesfälle vermeidbar sind. Durch Frühwarnsysteme und bessere Abwehrbereitschaft kommen weniger Europäer durch Überschwemmungen und Hitzewellen um. Europa hat den Sendai-Rahmen für Katastrophenvorsorge, den globalen Plan zur Eindämmung der durch Katastrophen verursachten Verluste, angenommen. Wir gehen davon aus, dass immer mehr Länder in der Region bis 2020 nationale und lokale Pläne zur Verringerung von Katastrophenverlusten aufstellen werden. Die EU sollte sicherstellen, dass dies auch geschieht.“

Er fuhr fort: „Wie schon der Europäische Ausschuss der Regionen drängen auch wir die Städte und Regionen dazu, Strategien zur Verringerung von Katastrophenrisiken zu entwickeln. Wir setzen uns dafür ein, dass die lokalen Gebietskörperschaften ihre Kapazitäten ausbauen und die erforderliche finanzielle Unterstützung erhalten, um insbesondere ihre Infrastrukturen zu verbessern. Der UNISDR-Kampagne für widerstandsfähige Städte (Making Cities Resilient, MCR) haben sich mittlerweile an die 600 Kommunen in ganz Europa angeschlossen und arbeiten aktiv an der Verbesserung ihrer Katastrophenresilienz.“

AdR-Präsident Lambertz , der seit Juli im Amt ist, erklärte: „Die Europäische Union erhebt weiterhin Führungsanspruch in der Klimapolitik und sollte auch bei den Anstrengungen zur Verringerung der durch Naturkatastrophen verursachten Risiken, die vielfach durch den Klimawandel verschlimmert werden, eine maßgebende Rolle übernehmen. Der Internationale Tag der Katastrophenvorbeugung erinnert uns daran, dass der EU noch viel zu tun bleibt, die Auswirkungen von Überschwemmungen, Hitzewellen und Erdbeben zu verringern. Durch den Einsatz ihrer Regionalmittel für Klimaschutz und Katastrophenvorsorge nutzt die EU ihre Kohäsionspolitik als ein echtes Instrument zur Förderung der Resilienz. In den Diskussionen über die Gestaltung des EU-Haushalts nach 2020 sprechen wir uns für eine starke und flexible EU-Kohäsionspolitik aus, in deren Rahmen Mittel zweckgebunden werden, um die Städte und Regionen bei der Umstellung auf eine emissionsarme Wirtschaft, beim Ausbau katastrophensicherer Infrastruktur und beim raschen Wiederaufbau nach Katastrophen zu unterstützen.“

Überschwemmungen sind in Europa seit jeher die am häufigsten auftretende Naturkatastrophe. Die UN geht davon aus, dass sich die Häufigkeit der Hochwasserereignisse in Europa bis 2050 verdoppeln wird. Hitzewellen treten häufiger auf; die Hitzewelle im Jahr 2015 verursachte allein in Frankreich 3 275 Todesfälle. Erdbeben in Italien haben in den letzten 50 Jahren im Schnitt 100 Menschen pro Jahr getötet und wirtschaftliche Kosten von ca. 3 Milliarden EUR jährlich verursacht. Erdbeben können in vielen Teilen Südeuropas, von Lissabon bis Zypern, auch Tsunamis auslösen.

Kommissionsmitglied Crețu äußerte sich wie folgt: „Katastrophen können überall und jederzeit auftreten und binnen weniger Minuten unser Leben auf den Kopf stellen. Seit 2005 haben Naturkatastrophen in Europa mehr als 100 Milliarden EUR an Kosten verursacht. Deshalb ist diese Konferenz heute zur Thematik Katastrophenvorsorge so wichtig. Die EU unterstützt die Resilienzanstrengungen ihrer Städte: In der aktuellen Haushaltsperiode werden allein im Rahmen der Kohäsionspolitik 8 Milliarden EUR für Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel und zur Katastrophenvorsorge bereitgestellt. Entscheidend ist indes der Austausch von Erfahrungen, besondere hinsichtlich Vorbeugung und Resilienz. Wenn die Städte miteinander reden, wird Europa sicherer und widerstandsfähiger.“

Durch Naturgefahren verursachte Katastrophen betrafen 2016 weltweit mehr als 445 Millionen Menschen, und vorläufigen Angaben der EM-DAT International Disaster Database zufolge waren im ersten Quartal 2017 weitere 80 Millionen Menschen in 73 Ländern von 149 Katastrophen betroffen. Die Weltbank veranschlagt die Kosten von Naturkatastrophen für die Weltwirtschaft auf 520 Milliarden USD (442 Milliarden EUR) jährlich.

Der vom UNISDR verwaltete Sendai-Rahmen für Katastrophenvorsorge 2015-2030 ist in die übergeordnete UN-Entwicklungsagenda eingebettet und kommt auch in den UN-Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals, SDG) bis 2030 zum Ausdruck. Der Sendai-Rahmen hat freiwilligen Charakter. Bislang haben sich 3 678 Kommunen an der gemeinsam mit Kommunalverwaltungen organisierten, basisorientierten UNISDR-Kampagne für widerstandsfähige Städte (Making Cities Resilient, MCR) beteiligt. Der Europäische Ausschuss der Regionen und UNISDR unterzeichneten 2016 einen fünfjährigen Aktionsplan mit dem Ziel, mehr Städte und Regionen Europas zu Maßnahmen im Bereich der Katastrophenvorsorge zu bewegen.

Hinweis für die Presse:

Am 11. Oktober verabschiedete der AdR eine Initiativstellungnahme zum Thema „Eine EU-Strategie zur Verbesserung der Erdbebensicherheit von Bauwerken und Infrastrukturen“. Berichterstatter war Vito Santarsiero (IT/SPE), Mitglied des Regionalrates der Region Basilicata. Im März 2017 übermittelte der AdR den EU-Beschlussfassungsorganen seine Empfehlungen zum Aktionsplan für den Sendai-Rahmen für Katastrophenvorsorge 2015-2030. Berichterstatter war Adam Banaszak (PL/EKR), Vizepräsident der Regionalversammlung von Kujawien-Pommern.

Der Präsident, der Este Vizepräsident und die Vorsitzenden der fünf Fraktionen des AdR waren im Mai 2017 auf einer Informationsreise in den italienischen Regionen Umbrien, Latium, Abruzzen und Marken, um das Ausmaß der durch Erdbeben verursachten Schäden zu begutachten. Dazu gibt es eine Video-Reportage.

Im Jahr 1989 rief die UN-Generalversammlung den – mittlerweile auf den 13. Oktober festgelegten – Internationalen Tag der Katastrophenvorbeugung aus, um eine globale Kultur des Risikobewusstseins und der Katastrophenvorsorge im Hinblick auf gezielte Maßnahmen zur Verhinderung von Katastrophen, zur Milderung ihrer Folgen und zur Vorbereitung auf Katastrophenfälle zu fördern.

Die Vereinten Nationen legten 1999 die Internationale Strategie zur Katastrophenvorsorge auf und richteten das UN-Büro für Katastrophenvorsorge (UNISDR) als dazugehöriges Sekretariat ein. Die jüngste Aktualisierung erfolgte in Form des Sendai-Rahmens für Katastrophenvorsorge 2015-2030. Mit dem Sendai-Rahmen werden sieben globale Ziele verfolgt: Senkung der Zahl der durch Naturkatastrophen verursachten Todesfälle und betroffenen Personen wie auch der volkswirtschaftlichen Verluste und Schäden, Verbesserung der internationalen Zusammenarbeit und der Information sowie Erhöhung der Zahl der nationalen und lokalen Strategien zur Katastrophenvorsorge. Ferner werden vier Aktionsprioritäten gesetzt: Wissen über Katastrophenrisiken, Stärkung der Governance, mehr Investitionen in Resilienz und Verbesserung der Katastrophenvorsorge. Im Rahmen seiner Kampagne für widerstandsfähige Städte ist das UNISDR bemüht, mit Hilfe einer Reihe von Instrumenten wie Leitlinien und Risikobewertungs-Tools Maßnahmen seitens der Kommunen anzustoßen.

Ansprechpartner:

Andrew Gardner, Europäischer Ausschuss der Regionen, andrew.gardner@cor.europa.eu, Tel. +32 473 843 981

Rosalind Cook, UN-Büro für Katastrophenvorsorge, rosalind.cook@un.org, Tel. +32 2 2904 953